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Mit Schinken nach Sojawurst werfen

Landwirtschaftsminister will verbieten, dass vegetarische Wurst „Wurst“ heißen darf.

 

Da hatte wohl jemand äußerst besinnliche Weihnachtsfeiertage. Gänsebraten an Heiligabend, am ersten Weihnachtsfeiertag ein großer Brunch mit hochwertigem Lachsschinken, Geräuchertem und Unmengen anderen Delikatessen – abends ein Familienessen bei der Mutter, die natürlich die traditionellen „Sauren Zipfel“ mit Bauernbrot zubereitet hatte…             

 

Foto by Nadja

                                                       Doch dann kam ein Gesprächsthema auf, bei dem seine Hirnleistung – wahrscheinlich aufgrund des Blutes, welches nach all dem köstlichen Essen vom Kopf zur Verdauung in den Bauch floss- nachließ:

 

Warum dürfen sich vegetarische oder gar vegane Fleischalternativen wie ihre Originale nennen?

 

So oder so ähnlich muss Landwirtschaftsminister Schmidt die Feiertage verbracht haben und geht nun mit seiner Forderung und Argumenten an die Öffentlichkeit.

 

Auf die Frage, warum „vegetarische Schnitzel“ oder „vegane Currywurst“ so heißen dürfen, antwortet er, dass diese Begriffe für ihn gänzlich „irreführend“ seien und den Konsumenten „verunsichern“ würden; aus diesem Grund setze er sich für das Verbot solcher Namen ein.     

 

 

Alles klar, Herr Lebensmittelkommissar. Nach diesen Statements tun sich bei mir (und sicher auch bei vielen anderen Menschen) schon so einige Fragen auf. Abgesehen davon, dass NIE „Fleisch“, „Wurst“ oder „Frikadelle“ auf den Verpackungen vegetarischer oder veganer Lebensmittel steht (s. oben), kann es wegen des Vegetarisch-/Vegan-Siegels und zusätzlichen Umschreibungen wie „Vleisch“, „Wie Wurst“ oder „Vrikadelle“ theoretisch zu keinen Missverständnissen kommen.                                                                                                                    

  Ein eingefleischter Veganer lässt sich sowieso von nichts und niemandem die „Wie Wurst“ vom Brot nehmen. Andersherum gibt es bisher keinen bekannten Fall, in dem ein Fleischesser durch veganes Essen geschädigt wurde. Und im Zweifelsfall können wir immer noch lesen.

 

Schmidt hatte sich zuvor schon für eine klare Kennzeichnung der Inhaltsstoffe sogenannter Veggie-Produkte ausgesprochen: „Was draufsteht, muss auch drin sein.“

 

Saugut. Spätestens jetzt muss doch auch der leidenschaftlichste Wurstliebhaber bemerken, dass sich der Agrarminister mit solchen Aussagen ins eigene Fleisch schneidet.Wenn Fleischalternativen von nun an unter Namen wie „Seitan-Gewürz-Mix“ verkauft werden sollten, warum darf dann auf echten Fleischprodukten einfach „Wiener Würstchen“ stehen?   Müssten diese nicht auch umbenannt werden? „Leichenmus in Kotschlauch“ wäre korrekt und nicht irreführend. Jedoch hört sich das weniger schmackhaft an als „Sojamus mit Gewürzen“, was zu noch mehr Veganern führen würde – und das würde dem Herrn Schmidt so gar nicht in den Kram passen. Immerhin fordert er auch, dass mehr Schweinefleisch an deutschen Schulen und Kindergärten angeboten wird.

Zudem seien Fleischalternativen für Christian Schmidt und viele andere Menschen unnatürlich, künstlich und ein „Imitat“– hier möchte man kurz anmerken, dass in „echten“ Fleischprodukten oft mehr Zusatzstoffe zu finden sind als in den Ersatzprodukten. Dass wir Fleisch aber meist auch nicht in der ursprünglichen Form zu uns nehmen und Würstchen bei ihrer Erfindung bewusst in die Form einer Gurke gebracht wurden, wird außer Acht gelassen.

 

 

Werden Redewendungen oder andere unzutreffende Ausdrücke bald auch noch verboten?

 

Das wäre dann wohl noch der nächste Schritt. Damit auch bloß kein Mensch mehr die beleidigte Leberwurst spielen kann, wenn er merkt, dass seine frisch gekaufte Fleischtomate und die Packung Babykarotten komplett pflanzlich sind und auch das Fruchtfleisch seines Obstes keiner weiteren Behandlung mehr bedarf, bevor es verzehrt werden kann, und dass sein Bauernbrot gar kein Stück Landwirt enthält. Denn je mehr beleidigte Leberwürste es in dieser Gesellschaft gibt, desto weniger Menschen gibt es - und desto weniger Menschen können über so wichtige Dinge wie die Bezeichnung von Fleischersatzprodukten diskutieren. Ein Mann, der sich seine Koteletten beim Frisör schneiden lassen möchte, fragt bitte nur noch nach einem Styling für seine „hässlichen Haare an der Backe“; der kleine Junge, der die Friseuse schon die ganze Zeit bei der Arbeit behindert, ist neuerdings ein „Satansbrätling“, der bei seiner letzten Geburtstagsparty übrigens keine Schnitzeljagd, sondern eine „Panierte-Zucchini-Jagd“ veranstaltete. Sonst wäre das Resultat bei den gewöhnlichen Ausdrücken: noch mehr beleidigte Leberwürste.

Apropos „beleidigte Leberwurst“: Nicht nur die oben genannten Begriffe müssen umschrieben werden, sondern auch Redewendungen. Demnach darf uns nichts mehr Wurst sein, Extrawürste gibt es nicht mehr, die Karotte hat neuerdings zwei Enden und die ganzen armen Würstchen sind in Wirklichkeit auch nur bemitleidenswerte Menschen.

 

                                                                        Also fordere ich hiermit:                                                                  

                             

MEHR HIRN FÜR DIE BEDÜRFTIGEN, BITTE!

DIE ZUKUNFT DIESER WELT DARF UNS NICHT TOFU SEIN.

 

Nadja

 

 

 

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